TAGEBUCH DER KURIOSITÄTEN

Kurioses & Amüsantes, Partiestellungen und Kombinationen, Anekdoten & Hoppalas
- überwiegend aus der gegenwärtigen österreichischen Schachszene.
Schauen Sie ab und zu vorbei!

Aktuelles Tagebuch

Vorherige Ausgaben:
Nr. 1-10: Hier klicken!

Nr. 20: Über die Kunst des Hilfsmatts (15.12.02)

Verlieren ist leicht. Aber so verlieren, dass alle anderen ihren Spaß daran haben, ist schwer. Geradezu eine Kunst.

Den Preis für die beste Verlustpartie verleihe ich heuer folgender Partie, gespielt bei der Schacholympiade in Bled. Weiß, eine 16-jährige Philippinin mit immerhin über 2300 Elo-Punkten, besitzt seit bald 30 Zügen einen Mehrbauern und ist der Verwertung bereits sehr nahe gekommen. Gewinn ist nur noch eine Frage der Zeit - aber das wäre ja keine Kunst!

Daher beschließt Weiß, ein zauberhaftes Hilfsmatt zu verwirklichen, und findet die formvollendete, konsequente und studienhafte Zugfolge!

Caoili - Medic, Bled 2002

Von Matt keine Spur, oder? 1.Kg3! Zunächst wird der König zügig an den Ort des Verderbens geführt. 1...Kf8 2.Kh4! Kg7 3.Kh5! a4 Jetzt muss noch der Rückzug verbaut werden: 4.h4!! Natürlich! 4...Kh7 (Diagramm rechts) Was ist jetzt noch zu tun? Schwarz muss zum Mattsetzen eingeladen werden! 5.Lxd7! Lxd7 6.Lxf6!! Und Schwarz darf das Kunstwerk vollenden: 6...Le8 matt! Wer würde das in der Ausgangsstellung vermuten?

Wie tief sind Sie gesunken, über so eine Tragik auch noch zu lachen? Lachen darf nur, wer das selbst schon erlebt hat.
Also dürfen Sie, nehm ich an.
Ich auch:

Nommsen - Stichlberger, Wien 1987

Als Schwarzer hatte ich zunächst versucht, das leicht bessere Endspiel zu gewinnen. Gewinnen konnte ich immerhin das: Den 4. Preis in der Jahrzehntewertung der "Blunzenzüge" meines Vereins.

Mit 1...Le8!? zog ich den Läufer zunächst zur Verdeutlichung des Motivs von der Diagonale b1-g6 ab. 2.Le3 f5!! Dann versperrte ich diese Diagonale, damit der Läufer anschließend nicht Schach geben konnte. Nach 3.Kc2 war das Hilfsmatt durch 4.b3 aufgelegt.

Ein kleiner Schönheitsfehler war mir aber doch passiert (darum wahrscheinlich der 4. Platz). Da das Matt durch das Figurenopfer 3...La4+ abgewehrt werden hätte können, wäre 1...Lf7!!! eine Spur genauer gewesen.


Nr. 19: Deep Throat (24.11.02)

Schach als humoristische Sternstunde gestern in der RTL-Millionenshow "Wer wird Millionär" - das sieht man gerne!

"Wie hieß der Computer, der kürzlich gegen Weltmeister Kramnik spielte?", lautete die Frage. Die Antworten "Deep Purple" und "Deep Impact" ließ die Kandidatin durch den 50:50-Joker eliminieren. Übrig blieben "Deep Fritz" und "Deep Throat". Das Publikum stimmte mittels darauffolgendem Publikumsjoker mit 55% für "Deep Throat". Der staunende Moderator Günther Jauch tat alles, um die Kandidatin auch noch zum dritten Joker, dem Telefonjoker, zu überreden. Auch der Telefonhelfer empfahl "Deep Throat". Die Kandidatin antwortete dennoch "Deep Fritz", blieb also im Rennen - und Jauch hatte seine Sternstunde! Denn: "Deep Throat" ist ein bekannter Pornofilm-Klassiker der 70-er und 80-er-Jahre!

War mir bekannt. Natürlich aus rein journalistischem Interesse. Wirklich! Nämlich wegen folgender Geschichte:

Computer "Deep Blue", der Kasparow-Bezwinger, hieß jahrelang "Deep Thought". Irgendwann fiel den Programmierern die fatale Verwechslungsgefahr mit "Deep Throat" auf und sie benannten das Programm einfach auf "Deep Blue" um.

Ja. So harmlos ist das.


Nr. 18: Springer k4 (19.11.02)

Wiedermal Bodyguard im Fernsehen gesehen. In einer Szene spielt Kevin Costner mit seinem Vater Schach, und der Filmsohn von Whitney Houston empfiehlt laut und deutlich den Zug: "Springer k4".

Nanu? Jeder von uns hat sich schon gewünscht, mit dem bedrängten König von h8 nach h9 oder i8 flüchten zu können. Aber die k-Linie ist doch ein bisschen weit?

Was lernen wir daraus fürs Leben? - Der Dialog-Übersetzer war erstens Schachbanause und zweitens Ignorant.

Das englische "Knight K4", also Springer aufs 4. Feld der Königslinie, heißt natürlich (wenn Weiß zieht): "Springer e4".

Dabei kann man von Glück reden, dass im Manuskript nicht die Kurznotation des Zuges aufscheint. Um die Verwechslung mit King auszuschließen, wird Knight ja mit N abgekürzt, also: NK4.

Knapp vorbeigeschrammt am Zug "Nacht k4".


Nr. 17: Bled (10.11.02)

Eben ist die Olympiade im slowenischen Städtchen Bled zu Ende gegangen. Immer wenn ich Bled höre, muss ich an die Ansichtskarte denken, die mir Meister Helmut Waller vor Jahren einmal geschickt hat. Der fidele Regierungsrat, der für einen guten Witz jederzeit sogar eine Gewinnpartie opfern würde, spielt dort bisweilen das traditionelle Open. Der Text der Karte bestand aus einer einzigen Zeile und war bestechend in seiner Schlichtheit. Da stand einfach:

WALLER SPIELT ZU BLED.

PS: Wer ein stabiles Gemüt hat, darf sich auf Wallers Homepage wagen: http://surf.to/waller


Nr. 16: Deep Trost (13.10.02)

  • Nie mehr werde ich mich über einen trivialen Einsteller von mir ärgern.
  • Nie mehr werde ich meine Schachschüler schimpfen, nicht genug aufgepasst zu haben.
  • Nie mehr werde ich meine Mannschaftskollegen bezichtigen, sich nicht genug konzentriert zu haben.
  • Nie mehr werde ich den Satz sagen: "So ein Einsteller darf einfach nicht passieren."
  • Nie mehr werde ich Schach tragisch nehmen.

Sollte ich doch in Versuchung kommen, werde ich an Weltmeister Wladimir Kramnik denken. Der heute nachmittag, live vor Millionen Internet-Zusehern, vor der ganzen Weltpresse, im Ein-Million-Dollar-Match gegen Computer Deep Fritz, ohne in Zeitnot zu sein - tatsächlich 34...Da2-c4?? gezogen hat. (35.Se7+! 1-0.) - Danke! Wie tröstlich.


Nr. 15: Der Wödmaster (8.10.02)

Das Schöne an Wien ist bekanntlich: Man braucht keinen Titel machen, man kriegt ihn einfach - nicht nur im Kaffeehaus! Ob Oberstudien-, Hof- oder Kommerzialrat, ob Doktor, Direktor, Dozent, ob Disponent, Ingenieur, Inspektor. Hat man gar keinen, ist man zumindest Herr Professor.

(Bei der Gelegenheit muss ich zugeben, dass es mich lange schon wurmt, nur "Obmann" - statt "Präsident" - meines Schachvereins genannt zu werden. Werde demnächst eine Statutenänderung beantragen.)

Ergo, wie erringt man am leichtesten den Titel "Schachweltmeister"? Richtig, man muss nach Wien kommen!

Eben verschlägt es mich nach www.wien.at und dort zufällig auf die Rathauskorrespondenz des Jahres 1951 (der Leser frage besser nicht, wieso), und ich entdecke diese Meldung:

5.11.1951: Sowjetische Gäste im Rathaus.
Vbgm. Honay empfing heute ... sowjetische Schachspieler und Stemmer, die auf Einladung der Österreichisch-sowjetischen Gesellschaft nach Wien gekommen sind. Unter ihnen befand sich auch der berühmte Schachspieler, Weltmeister Bronstein, der Vertreter der sowjetischen Sportbehörde Galaktionow und ...

 

Siehe da. Was Großmeister Bronstein im Jahr 1951 zunächst mit dem knappen 12:12 beim WM-Kampf gegen Botwinnik versäumte, gelang ihm schließlich doch: ganz einfach durch die Reise nach Wien.


Nr. 14: Rechen-Schieber (18.9.02) (PS 24.9.)

Keine Frage, Schach ist Sport! Zum Sport gehören Wettkämpfe, Leistungen und Titel. Zurecht bemüht sich der ÖSB (Österreichische Schachbund) seit Jahren, in die BSO (Bundessportorganisation) aufgenommen zu werden.

Und Sport soll unterhalten. Deswegen gefällt mir diese Geschichte ganz besonders.

Mit Verspätung wird langsam bekannt, dass bereits im Mai ein beachtlicher Wettkampf gespielt wurde. Der Vizepräsident des Österreichischen Schachbundes, zugleich Präsident des oberösterreichischen Schachverbandes, Heinz B., schritt mit Energie und Tatkraft voran und organisierte einen Zweikampf über 10 Partien. Gegner war sein Klubkollege Harald G., überwacht wurde das Ganze vom obersten Schiedsrichter-Referenten des oberösterreichischen Verbandes höchstpersönlich. Schade nur: Nirgendwo war eine Ankündigung darüber zu finden, auch das Ergebnis wurde nicht publiziert, und in keiner Schachzeitung, auf keiner Web-Seite war eine Zeile darüber zu lesen.

Das Resultat wurde lediglich beim Weltschachbund FIDE zur Elowertung eingereicht und auch bereits gewertet, wie die entsprechende Rubrik auf der FIDE-Homepage verrät. Aus dieser ist zu entnehmen: Der Präsident, immerhin fast 70, feierte einen grandiosen 10:0-Sieg. Das erinnert ja geradezu an Zeiten eines Bobby Fischer! Trotz des Spielstärke-Unterschiedes. Denn der Präsident ist FIDE-Meister mit 2390 Elopunkten, sein Gegner besitzt eine nationale Elozahl von 1799 sowie eine internationale Elozahl von 2010, also knapp über der Mindestgrenze von 2000.

Nun unken Pitzler tatsächlich ( z.B. im Forum des ÖSB), der Wettkampf wäre geschoben gewesen! Na ja, üblich ist es nicht gerade, dass ein Privatwettkampf zur FIDE-Eloberechnung eingereicht wird. Aber zahlt sich das überhaupt aus? Bei dem Spielstärke-Unterschied bringt das doch nur ein paar lächerliche Elo-Pünktchen?

Böse Zungen meinen sich allerdings zu erinnern, dass der Präsident bereits die eine oder andere Norm zum Titel eines "Internationalen Meisters" erfüllt hat - nur benötigt man zum IM-Titel eben eine Elozahl von mindestens 2400 - und da fehlen ihm (2390) die paar Pünktchen.

Unsinn, meine ich, und hier ist der Beweis: Die FIDE-Elo-Liste Juli weist den Präsidenten mit exakt 2398 Elopunkten aus. Also was soll das Gerede?

Außer natürlich - aber das gibt's doch nur in zweitklassigen Lustspielen! - ja außer, die Beteiligten haben sich schlicht verrechnet!

PS 24.9.:
Im ÖSB-Forum lese ich dazu folgenden erhaltenswürdigen Satz, der Hugo Wiener alle Ehre gemacht hätte:
"Ob man sich über einen IM-Titel, der sich offensichtlich nur durch mangelhafte Rechenleistung nicht ausgegangen ist, freuen kann - bleibt dahingestellt."
(Herbert G.)


Nr. 13: Schlaumaier (6.9.02)

Wenn sich ein Prominenter am Schachbrett ablichten lässt, darf sich der Schachkenner getrost auf einen Leckerbissen freuen. Denn sowohl dem Prominenten als auch dem Fotografen sind Lächeln und Pose zumeist wichtiger als das Schachbrett.

Wie ein Foto in NEWS vom Trainingslager in Chile zeigt, wurde Hermann Maier während seiner Rekonvaleszenz erfreulicherweise zum begeisterten Schachspieler.


(Foto: News, Zach-Kiesling)

Anerkennend bemerken wir, dass das Brett richtig aufgestellt ist und sich rechts oben ein schwarzes Feld befindet. Maier führt offensichtlich die weißen Steine und macht einen Zug mit dem weißen König. Die hohe Denkerstirn ist werbewirksam verdeckt. Original-Bildtext: "So schnell ist ein Herminator nicht Schachmatt!"
Aber täuscht das Bild, oder wirkt sein Lächeln säuerlich? Nein, schachmatt ist er nicht (schon gar nicht mit großen Anfangsbuchstaben), der König zieht ja noch. Doch ein näherer Blick auf die Felder d4 und e3 lässt uns das Blut stocken: Ist die weiße Dame etwa von einem schwarzen Bauern bedroht? Hier die Stellung, von Maier aus gesehen:

Obwohl die 8. Reihe im Dunkeln liegt (da könnte noch was stehen), eine völlig legale Stellung. Kraftvoll natürlich, wie's beim Herminator üblich ist. Der schwarze König ist bis nach a3 gewandert, beide (!) Damen sind bedroht, und zwei Bauern stehen unmittelbar vor der Umwandlung.

Hochachtung vor Maier: Computer Fritz schätzt die Stellung ziemlich ausgeglichen (!) ein. Weiß hat die Qual der Wahl: Dame d6 schlagen, eigene Dame retten, Bc7 umwandeln oder gar ein Mattnetz gegen den Ka3 basteln. Lange muss sogar Fritz überlegen, ehe er als beste Züge Tf6xd6 oder Tb4xd4 ermittelt.

"Um Himmels Willen, Armin", würde Robert Seeger gewohnt unseeglich (ich beantrage hiermit diese Rechtschreibreform) kreischen, "was macht er da nur, der Herminator?"

Unglaublich: Bei dieser riesigen Auswahl zieht Maier mit dem König, der Handbewegung nach zu schließen, Kf2-f1??. (Allenfalls zog er auch soeben Kg3-f2??.)

Warum nur? "Ganz klar", werden viele sagen, "beim Trainingslager deckt der Schlaumaier seine Karten nicht auf!" Nein, ich bin mir ganz sicher. Dies ist eine typische Hermann Maier-Subtilität! Mit seinem bauernschlauen, trockenen, unschuldigen Humor will er der ganzen Welt zeigen: "Seht, ich kann mir hier einen Königszug leisten und gewinne trotzdem!"

PS: Das beste aller Schach-Promi-Fotos zeigt den Kärntner Landeshauptmann. Ich bin am Ausgraben. Demnächst in diesem Theater.


Nr. 12: Über Understatements und Unterschätzungen (22.8.02)

Österreichs Schach-Legende Dr. Andreas Dückstein feierte im August seinen 75. Geburtstag. Gegen alle Größen der 50er, 60er und 70er-Jahre hat er gespielt, Fischer, Spasski, Tal, Botwinnik, Euwe, Petrosjan, Smyslow, etc. Hunderte Anekdoten aus dieser Goldenen Ära des Schachs weiß er zu erzählen. Hier meine beiden Lieblingsgeschichten:

1) Understatet: Wie man es schafft, selbst einen Sieg gegen den regierenden Weltmeister mit einem geradezu britischen Understatement zu kommentieren.
Dückstein: "Meinen Sieg bei der Olympiade 1958 gegen den regierenden Weltmeister Botwinnik verdanke ich nur der Sprachbarriere! Ich stand nicht schlecht, wusste aber nicht, wie man einem Russen Remis bietet. Ich versuchte, dies von meinem Kapitän zu erfahren. Als ich es endlich wusste, stand Botwinnik aber schon so schlecht, dass ich es nicht mehr anbot. Die Partie war gar nicht gut."

2) Unterschätzt: Ausgerechnet den Falschen!
"Wie haben Sie gegen Bobby Fischer gespielt?"
Dückstein: "Schlecht!
Ich hab mich selbst umgebracht. Der damals 16-jährige Fischer hat zuvor gegen den nicht zur Weltspitze gehörenden Schweizer Walther mit Mühe remisiert. Da hab ich mir gedacht, der ist ja schwach. Das war natürlich Blödsinn!"

Happy Birthday!

Hier gibt's die Dückstein-Partien gegen Botwinnik, Fischer, Pachman (nach eigener Aussage die beste), Spasski (Sieg!) und Tal (wilde Schlacht) im pgn-Format zum Downloaden: Dückstein.pgn


Nr. 11: Im Himmel wie auf Erden (13.8.02)

Gerade ist Staatsmeisterschafts-Woche, und angesichts der Bilder im Fernsehen fällt mir plötzlich ein, an der Lektüre welches Buches ich genau während der Staatsmeisterschaft 1998 gescheitert bin: "Im Himmel wie auf Erden" meines Lieblingsautors Werner Bergengruen. Nach einem Drittel legte ich das dicke Buch entnervt aus der Hand; in der strahlenden Sommerwoche, mitten in der herrlichen Bergwelt von Werfenweng erschien mir das Szenario völlig unrealistisch. Pure Übertreibung, das gibt's doch gar nicht, dachte ich erbost.

Ich werd' den Roman nun lesen. Er handelt von einer gigantischen Flutkatastrophe im Binnenland.


Nr. 1-10: Hier klicken!

Hier gehts zu den Tagebuch-Geschichten 1-10


oben Counter: Dia Projektoren